Rosen
Elisabeth Hoffer
Elisabeth Hofer wurde am 30.09.1984 in Sterzing/Südtirol geboren. Sie studierte an den Universitäten von Innsbruck, Stuttgart, Wien und Marburg und beendete im Jahr 2010 den Magisterstudiengang Romanische Philologie sowie Deutsche Sprache und Literatur erfolgreich. Nach dem Studium kehrte Elisabeth nach Südtirol zurück, wo sie mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Sterzing lebt. Neben Literatur und Sprache sind Tiere ihre große Leidenschaft. Die überzeugte Veganerin verbringt ihre Freizeit am liebsten mit ihren Hunden und ihrem Pferd. Sie arbeitet derzeit als freie Musikjournalistin und bietet als Freiberuflerin Lerncoaching, Nachhilfe, Sprachunterricht und Übersetzungen an.
Die Farbe der Rosen und der eigentümliche Duft des Ladens legen sich auf mein Gemüt. Ganz in Gedanken versunken streicht meine Hand, fast ohne es zu wollen, vorsichtig über die zarten Blütenblatter. Zerbrechlich und dennoch stolz ragen die Pflanzen aus den schäbigen Eimern. Sie sind bereits tot. In einigen Tagen werden sie es bemerken, werden die Köpfe hängen lassen und sich dem Lauf der Welt geschlagen geben.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, die kratzige Stimme einer untersetzen Verkäuferin reißt mich aus meinem meditativen Zustand. Ich schaue an ihr vorbei, weil ich nicht gesehen werden möchte. Zaghaft räuspere ich mich, meine Kehle ist trocken. Seit Stunden habe ich nichts mehr gesagt. Mit einer matten Geste deute ich auf die Rosen und lächle an der rotbackigen Frau vorbei, so gut es eben geht. Es soll ein üppiger Strauß werden, einer, den man so schnell nicht vergisst. Einer, der Wirkung zeigt. Die Verkäuferin freut sich, verträumt wickelt sie eine Borte mit vielen, winzigen Herzen aus Filz um den Strauß. Ihre unbeholfenen, von der Arbeit gezeichneten Finger geben sich große Mühe. Im Hintergrund läuft belanglose Musik, ich bin die einzige Kundschaft. Vermutlich wird mein Strauß deshalb mit so viel Hingabe verziert. An den großen Fensterscheiben tanzen etliche kleine Regentropfen, draußen biegt der Sturm die Bäume. Er drängt sie gewaltsam zur Erde, um sie gleich darauf wieder in den schweren, dunklen Himmel zu jagen.
„Der wird sich aber freuen“, quillt es schließlich über die aufgesprungenen Lippen der Blumenfrau. An seine Reaktion möchte ich nicht denken. An ihn möchte ich nicht denken. Zu spät, mein Unterbewusstsein macht mobil, mein Magen verformt sich, er spricht aus, was ich mich nicht zu sagen traue. Wird wieder zu jener harten Kugel, jenem undefinierbaren, schmerzhaften Kloß, der schon seit jeher ein Zeichen dafür ist, dass mir die Dinge, die passieren, ganz und gar nicht gefallen. So hat er sich auch schon damals verhalten, als ich in den Kindergarten sollte, fort von meiner Mutter. Nun ist meine Mutter weit weg, weil ich fortgegangen bin. Gott sei Dank kann sie mich nicht sehen, weiß nicht, was in diesem Moment, hier im Blumenladen, passiert. Ahnt nicht, dass ich schon wieder kämpfe. Heute mit einem Strauß samtiger Rosen. Ich schäme mich dafür und frage mich, ob es tatsächlich sein kann, dass jede einzelne dieser Rosen mehr Stolz hat als ich. Obwohl sie tot sind.
Ich aber lebe noch.
Warum nur fühlt sich diese Feststellung so falsch an? Ich kann mich doch glücklich schätzen. Einen Traummann an meiner Seite: groß, klug, schön, außergewöhnlich und erfolgreich mit seiner nie versiegenden Kunst. Allein die neiderfüllten Blicke seiner Bewunderer sollten als Zeugnis dafür reichen, dass jede mit mir tauschen und dem Unnahbaren näherkommen möchte. „Wie Motten, die ins Licht fliegen“, höre ich eine Stimme in meinem Kopf. Verbrannt die Flügel, aus der Traum. „Aber es lohnt sich“, füge ich trotzig in Gedanken hinzu. Wie ein Mantra, sage ich diesen Satz vor mir her. Seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren? Unser Kampf hat schon vor langer Zeit begonnen und bei den vielen Verlusten, die zu beklagen waren, fällt es schwer die Fronten auszumachen. Er kämpft gegen mich, während ich um seine Liebe kämpfe. Krieg, überall. Zugleich kämpft ein Teil meines Selbst gegen alle anderen, vor allem gegen die Vernunft und den Stolz.
Um jeden Preis will dieser eine Teil ihm gerecht werden, ihm gefallen und sich seine Liebe verdienen. Schließlich ist es meine Schuld, dass ich nicht so bin, wie er mich haben möchte. Daran muss ich arbeiten, ich habe es fest versprochen. „Wann lernst du endlich, wie man mich behandeln muss?“, diese Frage hat er schon oft gestellt. Immer wieder mache ich Fehler - so dumm und ungeschickt bin ich. Zu meiner Verteidigung merkt meine innere Stimme an, dass es immer einfacher wird, Fehler zu machen. Sie verstecken sich überall, wie gut getarnte Tretminen. Im Bad, in der Küche, unterm Bett. Überall in den eigenen vier Wänden. Seinen vier Wänden, in denen ich nur Gast bin. Zahlender Gast allerdings, zudem Putzfrau und Köchin. Und wehe, wehe man tritt auf eine Mine! Dann bricht ein Gewitter los, mit Blitz und Donner, mit eisigem Wind, der alles wegfegt, was mühsam gewachsen ist. Mit anschließendem Dauerfrost, der im Keim erstickt, was verzweifelt zu keimen versucht hat. Gewitter mochte ich noch nie, schon als Kind hatte ich entsetzliche Angst davor. Man musste mich in den Arm nehmen, beschützen und trösten, wie man es auch heute noch müsste, doch es ist keiner mehr da, der sich zuständig fühlt.
Ich habe mir mein Leben ausgesucht, samt der Tretminen und des Gewitters. Ich habe immer wieder beteuert, dass all die Sorgen unbegründet sind, dass ich alt genug bin, um auf mich zu achten. Ich habe mit besonders selbstsicherem Ton davon gesprochen, wie glücklich wir sind, wie sehr ich ihn liebe, wie spannend mein Leben durch ihn geworden ist. Jetzt sorgt sich keiner mehr um mein Wohl, zumindest nicht merklich. Ich habe sie alle zum Schweigen gebracht, um ihn zu schützen. Schließlich kann er nichts dafür, es ist meine Schuld, wenn ich ständig Fehler mache. Er ist das Opfer meiner Liebe, die er gar nicht wollte, auf die er sich versehentlich eingelassen hat, in einem besonders schwachen Moment. Nun hänge ich wie ein tonnenschwerer Klotz an seinem Bein, so sagt er. Ich fühle mich schuldig, was muss er nur durchmachen mit mir. Er sagt, dass ich das reinste Defizit bin und dass er wohl von einer höheren Instanz bestraft wird, weil er mit mir leben muss. Manchmal sagt er auch, dass er mich hasst. Doch er meint es gut mit mir, das weiß ich genau. Wenn ich nicht fleißig putze, ist es nur legitim, dass er mich ermahnt. Wenn ich nach einem Großeinkauf an der Tür klingle und ihn bitte, die Tüten nach oben zu tragen, störe ich ihn bei seiner wertvollen Arbeit, was ihm selbstverständlich missfällt. Überhaupt störe ich leider sehr häufig - weil ich da bin. Er sucht ernsthaft nach einer Lösung und hat auch schon einen Weg gefunden, von dem er sich verspricht, mich als Störfaktor auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Er hat die Wohnung aufgeteilt. Das Wohnzimmer ist nun Tabu für mich, ebenso sein Studio. Im Schlafzimmer darf ich mich frei bewegen, dort sitze ich nun mit meinem Laptop im Bett. Zudem darf ich die Küche und das Bad betreten, wann immer ich will, nicht nur, wenn ich gerade kochen oder waschen möchte. Manchmal kommt es vor, dass meine Vergesslichkeit überhandnimmt und ich an meinen alten Schreibtisch muss, der noch immer im Wohnzimmer, dem größten und hellsten Raum der Wohnung, steht. Nachdem ich angeklopft und vergeblich auf eine Antwort gewartet habe, öffne ich meist zögerlich und leise die Tür. Noch bevor ich erklären kann, was mich dazu bewegt hat die Regeln zu brechen, hagelt es tödliche Blicke und ein unmissverständliches „Raus!“ führt dazu, dass sich die Tür ganz schnell wieder schließt.
Er ist nicht immer hart und lieblos, an meinem Geburtstag etwa, oder an Weihnachten, hatten wir eine schöne Zeit. Die Tretminen waren für die Dauer weniger Augenblicke außer Kraft gesetzt, er behandelte mich wie Seinesgleichen, auch wenn ich es nicht verdient habe. Er gibt immer gut auf mich Acht, schließlich hat er es versprochen. Will mich schonen, mich nicht belasten und keinesfalls verletzen. Manchmal gelingt es ihm sogar. Dann warnt er mich, er fordert mich auf die Wohnung zu verlassen, damit mir nichts passiert. Dann weiß ich, dass es besser ist zu gehen, für eine Weile zumindest. Dann sitze ich im Wald, bete, weine, gehe spazieren, ohne Ziel. Ungefähr so wie heute. Er hat gesagt, dass er mich hasst, dass ich nicht mehr wiederkommen soll. Nie mehr.
Ob es noch zu früh ist zurückzukehren?
Ich schaue auf meine Armbanduhr und zähle die Stunden. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, friedlich spiegelt sich der Himmel auf der Erde. Die Rechnung für die Rosen ist beglichen und dennoch will sich kein Gefühl von Leichtigkeit einstellen. Ich starre auf den grauen Asphalt und er starrt zurück. Ich weiche seinem Blick aus. Ratlos warte ich. Regungslos. Als könnte mir der regennasse Parkplatz eine Antwort geben. In einer Pfütze schlängelt sich ein Regenwurm in Richtung feuchtes Gras. Ich freue mich, weil er es schafft und sich tapfer den Weg durch die rötliche Erde bahnt. Jeder ist mein Freund, auch der Regenwurm. Alles was sich bewegt, alles was atmet, vielleicht sogar denkt, kann mich leiden - nur ER mag mich nicht. Die Luft riecht sauber, am Horizont geben die tristen Wolken sogar ein Stück himmlisches Blau preis. Langsam trete ich den Heimweg an, obwohl ich aufgehört habe, mich nach einer Heimat zu sehnen. Ich hoffe, dass er mich nicht kommen sieht. Vorsichtshalber nehme ich einen Umweg. Bestimmt ist er beschäftigt, seine Energie fließt ganz und gar in das, was er erschafft. „Am Fenster zu stehen, dazu hat er keine Zeit“, mache ich mir Mut. Die Rosen in meiner Hand wiegen schwer. Ich bedauere meine Handlung jetzt schon und habe entsetzliche, deutlich fühlbare Angst vor dem, was gleich passieren wird. Die Stufen zum Hauseingang scheinen endlos zu sein, in meinem Kopf herrscht pures Chaos. „Wie schön wäre es, wenn er mich in den Arm nehmen würde“, flüstere ich bei mir, oder noch besser: „Wenn er sich entschuldigen würde!“. Ein einfaches „Es tut mir leid“ und meine Welt wäre perfekt. Ich male mir diverse Situationen aus, führe Dialoge im Kopf, übe mich dabei in Diplomatie und schuldbewusster Zurückhaltung. In all der Hektik habe ich beim Verlassen der Wohnung meinen Schlüssel vergessen, muss nun klingeln, muss ihn stören. Er mag das Geräusch der Klingel nicht. Keine guten Voraussetzungen für mich und meine Hoffnungen. Zaghaft wandert mein Zeigefinger über den Knopf, bis er ihn schließlich drückt. Lang und kräftig. Der Herzschlag hallt in meinem Kopf, in meinem Bauch, in meinen Händen wider. Ich schlucke, höre Schritte. Als sich die Tür mit einer schnellen Bewegung öffnet wage ich es nicht ihn anzusehen. „Ich liebe dich. Bitte verzeih mir“, höre ich mich mit gesenktem Blick sagen. Er dreht sich wortlos um und kehrt gleichgültig zu seiner Arbeit zurück. Die Tür bleibt offen stehen.
Ich darf weiterleben.

