Seconda edizione 2003 • segnalato seconda categoria

Die Sonneblume Plieger

Christine De Biasi

IL RACCONTO

Wieder ist Rita im Dorf. Sie isst mit ihren Eltern zu Mittag. Sie staunt über den Gemüsegarten ihrer Mutter. Sie zeigt ihren Kindern den Hang, über den sie als Kind gerutscht war, das Versteck, in dem sie sehen konnte, wie die Zeit vorbeiging, die Stelle, wo der Baum stand, auf den sie so gerne geklettert war und wo jetzt Autos geparkt werden. Sie geht mit ihrer Schwester zum Wetterkreuz im nahegelegenen Wald, hört sich die Neuigkeiten aus dem Dorfgeschehen an und ist wieder überrascht, wie wenig ihre Schwester landläufige Überzeugungen in Frage stellt.

Gegen Abend sucht Rita noch den Friedhof auf. Sie kennt den schmalen nicht ganz bequemen Weg dorthin gut. Zu ihrer Verwunderung ist dieser Weg das einzige im Dorf, das nicht verschönert wurde, seit sie weggezogen ist. Manchmal kommt es ihr so vor, als ob sie mit dem Erneuern und Vergrößern erst begonnen hätten, nachdem sie fort war. Umso mehr freut sie sich über die Brombeerstauden, die noch immer trotzig in den Weg hineinhängen, über die Dornen, die noch da sind, obwohl sie an ihrem Erstkommuniontag ihr weißes Kleidchen zerrissen haben. Ihre Kinder wollen diese Geschichte auch jetzt wieder erzählt bekommen. Rita erzählt sie. Die Kinder machen große Augen, als würden sie das alles zum ersten Mal hören. Das Gelände ist nicht weniger steil als damals, die Steine sind immer noch rutschig und mit feinen Sonntagsschuhen beinahe nicht zu begehen. Dieser Weg war Ritas Schulweg und sonntags der Weg zur Kirche.

Auch auf dem Friedhof hat sich nicht viel verändert, außer dass mit der Zeit die schmiedeeisernen Kreuze immer mehr und immer höher wurden.
Und noch immer knirscht der Kies unter ihren Schuhen unverschämt laut. Ihre Kinder bücken sich und werfen sich gegenseitig Steinchen in die Jackentaschen. Rita wäre gerne vor neun Tagen hier gewesen, um halb drei, als Rosi begraben wurde. Jetzt muss sie das Grab erst suchen, auf der Frauenseite, hat ihre Mutter gesagt, das vorletzte an der Mauer. Sie beschleunigt ihren Schritt. Sie bleibt nicht wie sonst vor den beiden Gräbern ihrer Großeltern stehen, sie hat weder Augen für die Gräber all derer, die sie gekannt hatte, noch Gedanken für die Toten darin. Sie will zu Rosis Grab.

Etwas Knalliggelbes zwischen den antrazithfarbenen Kreuzen zieht ihren Blick an. Als sie näher kommt, sieht sie, dass es eine große Sonnenblume ist, aus Papier gebastelt, mit Rosis Bild in der Mitte. Vor dem Grab bleibt Rita stehen. Das ist die Rosi, ein Foto, sie, ihr Lachen.

Rita ist weder auf das Leben im Bild noch auf die Sonnenblume vorbereitet. Tränen rinnen über ihre Wangen, sie wühlt in ihrer Tasche, sucht das Etui der Sonnenbrille, wechselt die Brille. Es wäre ihr unangenehm, wenn ihre Kinder sie jetzt weinen sehen würden. Sie will nichts erklären müssen. Es gibt nichts zu erklären, es ist einfach nur unfassbar. Rosis Lachen war breit und offen, ist es immer noch, auf dem Foto zumindest.

Schaut, da ist die Rosi begraben, sagt Rita nach einer Weile. Ihre Lippen fühlen sich schwer und klebrig an, ihr Hals ist zu, ihre Stimme ein gehauchtes Ächzen. Trotzdem erschrickt sie vor diesen Worten. Sie machen aus Rosi endgültig jemand, der niemals mehr anwesend sein wird. Die Erde auf dem Grab ist ausgetrocknet, aber sie atmet, als wollte sie zeigen, dass sie stärker ist als alles Leben, alles Leben, das je in Rosi gewesen ist. In einem kindlich bemalten Marmeladeglas, das vielleicht ein Muttertags- oder Weihnachtsgeschenk war, wetteifern frische Wiesenblumen mit dem reglosen Lachen auf dem Foto.

Ihre Kinder tun, als ob sie Rita nicht gehört hätten, und vielleicht haben sie ja wirklich nichts gehört. Sie sind damit beschäftigt, das Weihwasser aus den Kännchen über die Gräber zu gießen. Rita schaut ihnen einen Moment lang zu. Obwohl sie schon früh gelernt hat, dass man das nicht macht, sagt sie nichts. Die Unbefangenheit ihrer Kinder rührt Rita noch mehr. Sie denkt an die beiden Mädchen von Rosi, die nicht einmal dreißig Meter vom Grab ihrer Mutter entfernt zur Schule gehen. Die Trauer sitzt nun überall, am schwersten in Ritas Nacken. Sie dreht ihren Kopf langsam nach links, schüttelt ihn und dreht ihn dann nach rechts. Das Schulhaus steht noch immer auf dem Kirchplatz. Hier ist auch Rita zur Schule gegangen, jeden Tag hat sie zweimal den Friedhof überquert.

Das Vertraute der kühlen Ruhe dieses Ortes wirkt bis heute in ihr nach. Sie denkt, die Rosi ist hier gut aufgehoben. Sie denkt, hier ist es nicht eng, aber auch nicht unbegrenzt weit. Hinter der Friedhofsmauer fließen volle grüne Wiesen die leichte Neigung des Geländes hinunter, Felder mit sprießenden Ähren weiten sich hinein ins Tal. Ganz hinten am Horizont stehen die Berge. Vielleicht, so denkt sie, sind es aber genau diese Berge, die die Sehnsucht wachsen lassen wie die Krankheit, an der die Rosi gestorben ist.

Die Rosi war Jahre später, als Rita schon längst gegangen war, ins Dorf zurückgekommen. Sie ist von weit hergekommen. Ihre Welt war eine andere, dort in Bolivien, wo sie über zehn Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet hatte. Als Rita sie kurz nach ihrer Rückkehr besuchte, trug Rosi ein Dirndlkleid und darunter ihr erstes Kind. Der Georg hatte all die Jahre auf sie gewartet. Rita erinnert sich daran, wie angetan sie vom Happy End dieser Liebesgeschichte war. Die Hochzeit fand im Krankenhaus statt, weil Rosi in den letzten Monaten der Schwangerschaft nicht aufstehen durfte. Rosi fand das witzig. Nie hat Rita sie mehr um ihr überschwängliches und volles Lachen beneidet als an diesem Tag.

In Ritas Augen war Rosi angekommen, glücklich. Daher achtete sie auch nicht weiter drauf, als Rosi ihr einige Wochen nach der Geburt der kleinen Nina anvertraute, dass es mit dem Georg nicht leicht sei. Rita wollte keine Einzelheiten wissen. Allerdings wunderte sie sich doch über die Heftigkeit, mit der ihr Georg kurze Zeit später erzählte, dass die Rosi sich nicht um den Haushalt kümmere und nur Bolivien im Kopf habe. Sie fährt wegen ihrer Projekte in der Gegend herum, verschwendet unser Geld und zu Hause bleibt alles liegen. Nicht lange danach bekam Rita mit, dass der Georg große finanzielle Probleme mit seinem Geschäft hatte. Aber weil Rosi immer noch gerne lachte und ihr Lachen nicht leiser geworden ist, kam Rita nicht auf den Gedanken, dass Rosi mit irgendetwas nicht fertig werden könnte.

Rita würde sich gerne hinsetzen, ihre Füße brennen. Vor elf Tagen hat Ritas Schwester ihr am Telefon gesagt, die Rosi ist heute früh gestorben. Ihre Schwester hat auch gesagt, stell dir vor, heute ist der 5. Mai, genau heute vor einem Jahr ist ja dieser Missionar in Bolivien ermordet worden, du weißt schon. Sie hat Rita dann gefragt, ob sie glaube, dass es da irgendeinen Zusammenhang gebe, denn Zusammenhänge zwischen der Rosi und diesem Missionar hätte es schließlich viele gegeben.

Rita weiß keine Antwort. Sie sieht auf das lachende Gesicht in der Mitte der Sonnenblume. Die Rosi hat das Unbezwingbare ihres Lachens mitgenommen, die braunen Augen, die nur durch freche Schlitze zu sehen waren, ihre vollen Brüste, die auf- und niederhüpften. Nichts an ihr stand still, wenn sie lachte. Rosis Lachen war für Rita eine Liebeserklärung an das Leben. Neun Jahre, nachdem sie aus Bolivien zurückgekehrt war, stirbt sie an Krebs. Hat dieser Krankheit nichts entgegen zu halten als ihren weichen Körper.

Nichts, das stärker gewesen wäre. Glaube, Hoffnung, Friede. Rita denkt an das Telefongespräch mit ihr im Januar. Rosi sagte, es wird schon gehen, im Februar mache ich die sechste Chemotherapie, das wird hart, aber es ist die letzte. Sie klang müde, sehr müde. Rita wollte ihr Mut machen, sie konnte es nicht ertragen, dass Rosis Stimme matt und farblos war, so ohne Hoffnung und Trost für sie selbst. Daher sagte sie, und ihre Stimme kam ihr so unbeholfen vor wie das, was sie sagte, du wirst es bestimmt schaffen, dein fester Glaube wird dir helfen. Und nun lachte Rosi, ganz anders als sonst, kurz und hart. Ich glaube nicht an das Jenseits, sagte sie. Diese Worte verschlugen Rita die Sprache. Rita empfand sie als eine Absage auch an sie.

Das war Ritas letztes Gespräch mit Rosi. Ihre Schwester versorgte sie mit den neuesten Nachrichten über Rosis Krankheit, Rosi war die meiste Zeit im Krankenhaus, die Kraft für die letzte Chemotherapie fand sie nicht mehr. Rita hat sie auch nie besucht, auch im März nicht, als ihre Schwester so viel Blut verlor und das Baby und die Gebärmutter. Sie war fast jeden Tag im Krankenhaus, allerdings im ersten Stock und nie im zweiten, wo Rosi lag.

Rita putzt sich die Nase und sieht sich nach ihren Kindern um. Sie stehen am Brunnen, die Gesichter über das Wasser gebeugt und schlürfen mit gespitzten Lippen das abgestandene und dreckige Wasser. Rita fällt ein, wie der Pfarrer Mair sie und ihre beiden Brüder an den Ohren zog, weil sie mit dem Wasser dieses Brunnens gespielt hatten. Der Friedhof ist heilig und kein Spielplatz, hatte er gesagt. Als die Kinder bemerken, dass Rita zu ihnen herüberschaut, kommen sie zu ihr gelaufen. Schaut, da ist die Rosi begraben, sagt Rita. Die Kinder wollen wissen, ob die Rosi nun für immer unter der Erde bleiben muss und wer sich um ihre Kinder kümmert.

Rita antwortet: Ich weiß es nicht und: der Vater. Sie bereut es, die Kinder hergelockt zu haben. Die Kinder fingern an der Sonnenblume herum und hören nicht auf, Fragen zu stellen. Rita wünscht sich, dass diese Sonnenblume für immer hier bleiben möge. Sie möchte in ihr all jenen Zuspruch finden, den die Rosi ihr nicht gewähren wollte.

Mach´s gut, sagt Rita zu Rosi. Sie nimmt die Kinder an die Hand und verlässt den Friedhof. Die schmiedeeiserne Gittertür fällt hinter ihnen ins Schloss. Erst jetzt wagt sich Rita einzugestehen, dass auch sie nicht an ein Jenseits glaubt.